Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Als ob die Kälte nicht schon genug wäre, soll es nun auch noch feucht werden.
Die Nässe kriecht in jeden Handschuh, durch drei Paar Socken und den Schlafsack. An solchen Tagen stehen die ersten bereits um halb sechs vor dem Tor der Abtei St. Bonifaz.
Doch sie öffnen hier erst um sieben und so muss Roman Krivsky, der Nachtpförtner, die Männer bitten, zu warten oder später wiederzukommen. Höflich sagt er das, denn der richtige Ton sei wichtig, damit es keinen Streit gibt. Höflich ist Krivsky aber auch, weil es ihm wichtig ist, freundlich zu sein zu seinen „Kunden“. „Es hackt doch sonst eh jeder auf denen rum.“
Seine Kunden, das sind die Obdachlosen dieser Stadt. Das sind ihre Rentner, denen am Monatsende das Geld ausgeht. Ein paar Frauen auch, von denen manche verwirrt sind. Und es sind die neuen Armen: Männer aus Polen, Rumänien, Bulgarien, die in München Arbeit gesucht und keine gefunden haben oder mit einem Hungerlohn abgespeist wurden. Manche bleiben hängen im Westen. Weil sie sich schämen, mittellos zurückzukehren. Oder weil es sich arm hier leichter lebt als daheim. Die Zahl der Menschen, für die die Küche des Konvents jeden Tag ein warmes Essen zubereitet, ist in den vergangenen zwei Jahren sprunghaft gestiegen. „Unsere Ost-Erweiterung“ nennt das Frater Emmanuel Rotter, der Leiter der Obdachlosenhilfe. Mittlerweile kommen pro Tag an die 150 Menschen hierher in das Haneberghaus an der Karlstraße, wo sie jetzt, wenn es besonders kalt ist, auch ein paar Notbetten aufstellen. 2001 haben die Benediktiner das Haus neben der Abtei neu eröffnet. Inzwischen reichen die 80 Sitzplätze oft schon nicht mehr aus und die Männer stehen mit ihrer Suppe im Gang.
Es gibt belegte Semmeln, Salat, später ein warmes Gericht und Kuchen. Gespendetes Essen und das, was die Klosterküche zubereitet. Die Männer reihen sich in die Schlange, reißen Serviettenpapier von der Rolle ab, nehmen ein Tablett. Fast wie in einer Kantine. Nur dass hier ab und an einer den Nachbarn, der im Warmen wieder eingenickt ist und nun mit dem Kopf auf den Armen am Tisch liegt, anraunt: „Schlaf dich woanders aus!“. Menschen werden ja nicht freundlicher, nur weil es ihnen dreckig geht.
Am Eingang des Hauses steht eine Theke, gesponsert hat sie ein Stromkonzern. Hier bleiben die Männer stehen, begrüßen den Frater und wer mehr Zeit zum Reden braucht, den nimmt Emmanuel Rotter durch die Küche mit in sein Büro. Den anderen hilft Wolfgang Hagner, der an der Info-Theke die Wartemarken ausgibt: für die Duschen, die Ärztin, die Kleiderkammer. Das Nummernsystem haben sie erst vor kurzem eingeführt, weil sich der Andrang anders nicht mehr in Bahnen lenken ließ. „K“-Nummern für die Kleiderkammer, „D“-Nummern für eine der vier Duschen, „Sr“-Nummern für Schwester Ogmunda, die offene Füße versorgt oder entlaust. Praxis, Kleiderkammer, Duschen liegen im Keller. Wer an der Reihe ist, darf hinunter. Wolfgang Hagner nimmt die Absperrkordel vom Haken am Treppenabgang. „So ein Service, extra für uns“, frotzeln die Männer.
In der Kleiderkammer trifft man Roman Krivsky wieder, der nachts als Pförtner arbeitet und an den Vormittagen ehrenamtlich die Kleidung sortiert. Einen Berg hat er gerade abzutragen, verpackt in Umzugskisten und blaue Müllsäcke – jetzt, um die Weihnachtszeit, bekommt die Abtei besonders viele Spenden. Nur Männersachen nehmen sie hier. Roman Krivsky besieht sich jedes Teil, prüft, ob der Reißverschluss in Ordnung und die Tasche nicht löchrig ist. „Sonst fallen die wenigen Münzen auch noch durch.“ Dann faltet er die Hosen, hängt die Hemden auf den Bügel. Sauber und ordentlich soll alles sein. Die Männer sollen sich nicht als Almosenempfänger fühlen.
Häufig bekommen sie Nachlässe. Und das bringt ein Problem mit sich: Die Sachen, die in den Kisten liegen, sind zwar in der Regel perfekt gepflegt und gut in Schuss. Doch mit den schönen Stoffhosen, Krawatten, Anzügen kann man auf der Straße wenig anfangen. Einen Anzug borgen sich seine Kunden höchstens aus für einen Tag, wenn ein Kumpel beerdigt werde, sagt Krivsky. Auf der Straße trägt man Jeans, weil die robuster sind.
Was fehlt, sind jene warmen Dinge, die leicht abhanden kommen. Die geklaut werden vom Schlafplatznachbarn. Oder verloren gehen, weil die Männer oft mehrmals in der Nacht vertrieben werden und umziehen müssen. Handschuhe und Mützen sind wertvoll auf Platte im Winter. Auch nach Schlafsäcken fragen sie hier, im Kleiderkeller, oft. Doch Schlafsäcke oder Lederjacken geben die Helfer an der Ausgabestelle nur mit Bedacht her: Die Männer sollen sie wertschätzen und darauf achtgeben. Und sie nicht verhökern für eine Flasche Whisky.
Was vor allem fehlt, ist Unterwäsche: Hemden, kurze Hosen und lange warme Unterhosen. Denn meist genieren sich die Spender, diese Dinge zu spenden und mit einzupacken. Und die Männer, so umschreibt es Frater Emmanuel Rotter, achten oft wenig auf Körperhygiene. Rotter ist selbst ausgebildeter Krankenpfleger, er kennt die offenen Füße, die die Männer quälen und die Hautkrankheiten, die sie nicht mehr loswerden. Oft sei, sagt er, die Unterwäsche so dreckig oder zerschlissen, wenn die Männer in die Arztpraxis kommen, dass es ratsam ist, die Kleidung nicht mehr zu reinigen. Günstige Unterwäsche für seine Männer wünscht sich der Frater daher. Ein Wunsch, den der Adventskalender der Süddeutschen Zeitung erfüllen möchte.
(SZ vom 28.12.09)